Die Kanalbauer steuern den Wasserfluß,
Die Pfeilmacher produzieren Pfeile,
Die Tischler bearbeiten Holz,
Die Weisen überwinden sich selbst.
Dhammapada Vers 80
Der Abt des „Internationalen Waldklosters von Bung
Wai“ hatte Interesse bekundet, unsere Klöster in Europa zu besuchen und
hier einige Zeit im Retreat zu verbringen. Alles war vorbereitet, aber
es fehlte noch jemand, der während seiner Abwesenheit seine Pflichten
als Abt übernehmen würde, und da ich damals bereits seit zwanzig Jahren
in England gelebt hatte, reizte mich der Gedanke nach Asien
zurückzukehren. Ich war also voll Freude, als ich mich 1993 auf den Weg
nach Thailand machte, um dort längere Zeit an dem Ort zu verbringen, an
dem ich als junger Mönch mein erstes Training durchlaufen hatte. Es
dämmerte, als ich nach langer Zeit wieder das Kloster betrat und ich
empfand sowohl Nervosität als auch Dankbarkeit und Staunen, als ich von
alten und neuen Freunden begrüßt wurde. Soviel war innerlich und
äußerlich passiert, seit ich das letzte Mal dort gewesen war! Der Ort
war mir vertraut und gleichzeitig fremd. Die dunkle, alles einhüllende
Stille des Waldes und der Duft wilder Blumen, der sich mit dem Geruch
von Räucherstäbchen vermischte, versetzte mich zurück in die Zeit, als
ich vierundzwanzig Jahre alt war, voller Hoffnung auf mystische
Erfahrungen und dennoch wunderbar frei von Erwartungen. Jetzt allerdings
trieben elektrische Geräusche über die Reisfelder vom Dorf Bung Wai her,
wo es inzwischen elektrisches Licht gab und jedes Haus, nicht nur das
des Dorfvorstehers, einen Fernseher und ein Radio hatte.
Nach ein oder zwei Tagen hatte ich heraausgefunden,
daß sich im Kloster nicht allzu viel verändert hatte. Obwohl die Piste,
die von Ubon nach Bung Wai führt nun asphaltiert und die Büffel auf den
Feldern durch Maschinen ersetzt worden waren, wurde im Kloster das
Wasser immer noch von Hand aus dem Brunnen gezogen, die Blätter wurden
täglich gefegt, die Roben wurden immer noch mit einem Harz gefärbt, das
in harter Arbeit aus dem Jackfruit-Baum gewonnen wurde und nachts las
man im Schein einer Kerosinlampe. Die Botschaft „Keep it Simple“, die so
typisch für die Thervada Waldkloster-Tradition ist, drang überall noch
durch, so wie der Klang einer Tempelglocke, der durch all den modernen
Lärm hindurch über weite Entfernung noch hörbar ist.
Das Tagesprogramm im Kloster war flexibler, als ich
erwartet hatte und so gab es Zeit, wieder Kontakt mit den anderen
Mönchen aufzunehmen. Außerdem gab es Gelegenheit, mit den Dorfbewohnern
zu reden. Wundersamerweise schienen sie sich an diejenigen von uns zu
erinnern, die im Kloster gelebt hatten, als es 1974 gegründet worden
war. Die Älteren kauten immer noch auf Betelnüssen herum und hatten auch
ihr strahlendes, zahnloses Lächeln nicht verloren. Wir tauschten
Geschichten über die Entwicklung von Klöstern überall in der Welt aus,
einige davon in Ländern, deren Namen die meisten von ihnen noch nie
gehört hatten. Wie das Glück es wollte, ergab sich während der Zeit
meines Aufenthaltes dort die Gelegenheit, einige der Meditationsmeister
des Nordostens Thailands zu besuchen, unter ihnen meinen ersten Lehrer,
den ich nicht gesehen hatte, seit ich achtzehn Jahre zuvor sein Kloster
verlassen hatte. Der ehrwürdige Ajahn Tate war ein hochangesehener
Lehrer, ein bißchen älter als Ajahn Chah, und er war in den 30er Jahren
ein Schüler von Ajahn Mun gewesen. Nachdem er im Alter von vierzehn
Jahren Mönch geworden war, hatte er sein ganzes Leben dazu verwendet,
ernsthaft dem Dhamma zu dienen und es zu praktizieren. Aus ihm wurde
–wie auch aus Ajahn Chah– eine der herausragenden Figuren des
thailändischen Buddhismus und er gründete dann schließlich das Kloster
Hin Mark Peng, wo er auch lebte. Zur Zeit meines Besuches in Thailand
lebte er im nahegelegenen Wat Tum Karm, dem Berghöhlenkloster des
verstorbenen Ajahn Fun. Ich habe das große Glück gehabt, mit ihm die
ersten Monate meines Mönchslebens verbracht zu haben, bevor ich dann
unter der Leitung des ehrwürdigen Ajahn Chah lebte.
Als ich zum ersten Mal bei Ajahn Tate war, war er
vierundsiebzig und man hatte bei ihm gerade Leukämie diagnostiziert. Und
achzehn Jahre später bot er immer noch seine Hilfe all denen an, die ihn
darum baten! Also gesellte ich mich in freudiger Erwartung zu den
Leuten, die eine mehrstündige Reise nordwärts auf sich nehmen wollten,
um ihm Respekt zu erweisen. „Was soll ich ihm geben? Wird er sich an
mich erinnern?“ – Neben solchen verrückten Gedanken erfüllten mich
Erinnerungen an die schweren Zeiten, die ich damals in diesen frühen
Jahren durchlebt hatte und auch eine kindliche Vorfreude.
Schon zu der Zeit, in der ich mit ihm gelebt hatte,
hatte er eine wunderbar großväterliche Erscheinung gehabt. Jetzt, mit
dreiundneunzig, hatte er nur noch sehr wenig körperliche Kraft, aber
seine Augen leuchteten, seine leise, helle Stimme war klar und seine
Haut glänzte. Obwohl ich mich normalerweise durchaus auf thailändisch
verständigen konnte, brauchte ich hier die Hilfe eines der anderen
Mönche, um ihm meine enorme Freude darüber, ihn wiederzusehen,
mitzuteilen. Es machte mir nichts aus, daß er mich nicht wiedererkannte,
als ich wieder zu seinen Füßen saß. „Wie erstaunlich!“, dachte ich,
„Damals, vor so vielen Jahren habe ich so sehr mit meinem neuen Leben
als Waldmönch gekämpft und das Wüten der inneren Feuer ertragen und hier
fühle ich nun eine solche Freude! Wie rätselhaft!“
Ajahn Tate war der Meditationslehrer meines
Präzeptors Somdet Nyanasamvara vom Kloster Wat Bovornives in Bangkok
gewesen, und ich war durch gedruckte Übersetzungen seiner Reden mit
seinen Lehren in Berührung gekommen. Als ich dann einige von Ajahn Tates
Schülern in Bangkok traf, war ich beeindruckt von ihrem Verhalten und
ihrem äußeren Auftreten. Daher entschied ich mich, mit dem Segen meines
Präzeptors, in den Norden zu reisen, um im Kloster Wat Hin Mark Peng
meine erste Regenzeit (vassa) zu verbringen. Ich reiste zusammen
mit einem anderen westlichen Mönch, den ich auch in Bangkok getroffen
hatte. Zufällig hatten wir beide etwa zur gleichen Zeit Retreats in
Australien besucht, und nun waren wir zusammen unterwegs, weil wir
einige Zeit mit diesem herausragenden Lehrer verbringen wollten. Wat Hin
Mark Peng war ein entlegenes Kloster an den bewaldeten Ufern des Mekong,
etwa 45 Kilometer stromaufwärts von Vientiane, der Hauptstadt von Laos.
Mein Kuti war oben auf einer Klippe, direkt über dem Fluß.
Anfangs gingen wir jeden Tag hinunter, um im Fluß zu baden, aber als
sich das Verhältnis zwischen Thailand und Laos zu verschlechtern begann,
tauchten russische Soldaten auf und fingen an, mit ihren Booten auf dem
Mekong zu patrouillieren, und es gab zu viele Schießereien, als daß wir
uns dabei weiterhin hätten wohlfühlen können.
In einem Kriegsgebiet
zu leben hat sicherlich zur Intensität meiner Erfahrungen beigetragen.
Weder hatte ich mich bereits an die Nahrung und das Klima gewöhnt, noch
sprach ich die Landessprache. In Neuseeland, wo ich herkam, war es eine
schiere Freude im Wald zu leben − keine Schlangen, keine Skorpione und
nicht einmal Ameisen, die einem Probleme bereiten konnten. In den
tropischen Urwäldern Asiens mußte man dagegen richtig gut aufpassen,
wenn man abends zu Bett ging, um sicherzugehen, daß keine Schlange
hineingekrochen war. Ein paarmal bin ich mitten in der Nacht aufgewacht,
mein ganzer Körper bedeckt mit beißenden Ameisen, von denen es in meiner
ganzen Hütte so wimmelte, daß die Wände sich zu bewegen schienen.
Das Herz und die
Tätigkeit des Herzens
Als mein Begleiter und ich das erste Gespräch mit
Ajahn Tate hatten, interessierte er sich vor allem für unsere Praxis. Da
wir mindestens für die Dauer der Regenzeit in seinem Kloster leben
würden, wollte er wissen, was wir unter Praxis verstanden, und daher
rief er uns zu sich in sein Kuti.
Nachdem er ein paar Fragen gestellt hatte, sprach er
eine Weile mit uns und sagte dabei etwas, was mir noch heute präsent ist
und was nichts an Bedeutsamkeit verloren zu haben scheint. Durch den
Übersetzer sagte er uns: „Eure Aufgabe ist es, zwischen dem Herzen und
der Tätigkeit des Herzens zu unterscheiden. Ganz einfach.“ Wenn ich mich
jetzt daran erinnere, kann ich fast hören, wie er es sagt, mit sanfter,
aber auch fester und voller Stimme, reich an Erfahrung und
unerschütterlichem Verständnis. Ich hatte nicht erwartet, daß er etwas
so Einfaches sagen würde. Ich glaube, ich hatte etwas Komplexeres,
schwieriger zu Verstehendes erwartet, aber als ich das hörte, dachte ich
„Ja, das verstehe ich, damit kann ich etwas anfangen.“
Nach innen zu schauen, unsere Aufmerksamkeit so zu
richten, daß wir sowohl das Herz als auch die Tätigkeit des Herzens
erfahren und aus unserer eigenen Erfahrung heraus eine innige
Vertrautheit damit entwickeln: Das war und ist die Grundlage meiner
Meditationspraxis und meiner spirituellen Suche. Die Begriffe, die er
benutzte, waren jit und argarn kong jit. Citta, ein
Pali-Wort, wird in Thai verkürzt zu jit, und beide Begriffe
bedeuten sowohl „Herz“ als auch „Geist“. Argarn kong jit bedeutet
„die Tätigkeit des Herzens“ oder „die Tätigkeit des Geistes“.
Ich hatte alles mögliche über die Entfaltung von
Zuständen meditativer Versenkung gehört, die Jhanas genannt
werden, und auch über das Erreichen verschiedener Stufen von
Realisierung und Einsicht. Ajahn Tate machte aber deutlich, wie wichtig
es ist, sich nicht von irgendwelchen Vorstellungen und Ideen über die
Praxis ablenken zu lassen, ebensowenig wie von all den Erfahrungen,
Wahrnehmungen und Sinneseindrücken, die uns zuteil werden. Wir sollten
sie alle einfach als Tätigkeit des Geistes betrachten. Sie alle sind
Inhalt des Geistes. Wenn das Herz oder der Geist −der Citta− wie ein
Ozean ist, dann ist die Geistestätigkeit wie Wellen auf dem Ozean.
Unsere Praxis sollte darin bestehen, diese Wellen als Wellen zu sehen:
Wellen, die über die Oberfläche des Ozeans dahingehen.
Die meisten von uns werden normalerweise in die
Geistestätigkeit hineingezogen, und das trifft manchmal sogar auf
kontemplativ lebende Menschen zu. Auch ich werde manchmal von den Wellen
ergriffen, von diesen Bewegungen des Geistes, und ich vergesse, ich
verliere die richtige Perspektive. Zu praktizieren heißt, die richtige
Perspetive zu erinnern, und es bedeutet, eine Achtsamkeit zu
kultivieren, die das Wissen von dem Gewußten, unterscheiden kann. Wir
können ein Bewußtsein der Empfindungen des Körpers haben, ebenso der
Gefühle, Energieströme, Bewußtseinsformationen, Ideen, Eindrücke,
Konzepte, Erinnerungen und Phantasien. Sie alle müssen als Tätigkeit
erkannt werden. Denn was passiert, wenn wir sie nicht als Tätigkeit
erkennen? Wir werden selbst zu dieser Tätigkeit und werden in sie
hineingezogen. Es gibt ein sehr treffendes Sprichwort im japanischen
Buddhismus: „Lache, aber verliere dich nicht im Lachen; weine, aber
verliere dich nicht im Weinen.“ Wir könnten auch sagen: „Denke, aber
verliere dich nicht im Denken; freu‘ dich, aber verliere dich nicht in
der Freude.“
Manchmal stoßen Leute
auf die buddhistischen Lehren oder beginnen buddhistische Meditation und
fangen dann an zu glauben, Frieden zu finden hieße, allen Inhalt des
Geistes loszuwerden, den Geist ganz leer zu machen. Manchmal scheint es
in der Meditation auch, als sei der Geist ganz offen und weit und als
ginge sehr wenig in ihm vor. Das heißt allerdings nicht, daß wir es
geschafft haben und jetzt erleuchtet sind. In diesem Zustand der
Offenheit, Klarheit und Weite empfinden wir vielleicht Lebendigkeit und
Freude, und wenn wir nicht richtig informiert und zu wenig darauf
vorbereitet sind, können wir fälschlicherweise denken „Das ist es! Diese
guten Gefühle sind das, um was es eigentlich geht!“ Ajahn Tate sagte
damals, daß sogar diese guten Gefühle nur Tätigkeit des Herzens sind.
Bei der Praxis geht es darum, diese Tätigkeit im Verhältnis zu dem zu
erkennen, worin sie stattfindet. Und worin findet diese Tätigkeit statt?
Was ist es, das erkennt, das weiß? Wir sollten eine Achtsamkeit
kultivieren, die sich sowohl des Wissens, als auch des Gewußten bewußt
ist.
Das Bemühen, sich zu
erinnern
Diese Lehre war die erste Gabe, die ich von Ajahn
Tate empfing; eine wertvolle Gabe, die so etwas wie die Grundlage der
Praxis darstellt, die ich seitdem beibehalten habe. Ich war ein
enthusiastischer und leidenschaftlicher Anfänger, der schon ein paar
angenehme Meditationserlebnisse gehabt hatte. Ich war entschlossen, es
in meiner Praxis zu etwas zu bringen und strengte mich gewaltig an.
Frühmorgens würde ich aufstehen und auf Almosengang gehen. Nachdem ich
dann meine eine Mahlzeit eingenommen hatte und mich ausgeruht hatte,
verbrachte ich den Tag mit Sitz- und Gehmeditation. Es gab zwar nur
wenige Bücher auf englisch, aber die las ich sehr gewissenhaft und
reflektierte viel über sie. Die wenigen Gespräche, die ich führen
konnte, fanden mit Leuten statt, deren Sprache ich nicht sprach. Der
andere westliche Mönch meditierte über den Tod, ein Meditationsobjekt,
das der Buddha oft empfohlen hatte und das in der Waldtradition hoch im
Kurs stand, und so schien er mir nicht allzu viel Aufmerksamkeit
schenken zu wollen. Mit der Zeit begann ich mehr und mehr auszusehen wie
der Tod persönlich, und ich glaube, er begann Interesse an mir als
Meditationsobjekt zu entwickeln. Der Speiseplan mit Klebreis,
eingelegtem Fisch und Chili bekam mir nicht sonderlich, und ich hatte
eine Menge Gewicht verloren. Aber ich hatte mich verpflichtet, die drei
Monate der Regenzeit zu bleiben, und diese Verpflichtung trug dazu bei,
die Intensität noch weiter zu erhöhen.
Ich profitierte sicherlich von den Anstrengungen, die
ich in dieser Zeit der intensivierten Praxis machte. Etwa nach der
Hälfte der drei Monate hatte ich ein Erlebnis von Klarheit, an das ich
mich noch deutlich erinnern kann. Es kam ganz spontan − ich machte
nichts Außergewöhnliches. Ich saß einfach bei der Abendmeditation,
umgeben von den anderen Mönchen. Diese Abendmeditationen fanden immer in
einem sehr einfachen, wenig anziehenden hölzernen Gebäude mit offenen
Seiten statt, mit den üblichen Grasmatten auf einem Betonfußboden. Wir
rezitierten Sutren, genau wie an jedem anderen Tag, die selben Moskitos
stachen uns und meine Knie taten genauso weh wie immer. Plötzlich und
ohne Vorwarnung empfand ich die wunderbarste Klarheit − anders als
alles, was ich je zuvor empfunden hatte. Ich erlebte ein gänzlich
normales und dennoch gleichzeitig außergewöhnliches Empfinden von
Wohlsein. Es schien, als ob diese Sichtweise für immer fortdauern würde,
weil die Realität nie anders gewesen war − nur hatte ich es nicht
bemerkt. Nach der Abendmeditation war ich so erfüllt mit einem Gefuehl
von Freude, daß ich es einem der anderen Mönche gegenüber bemerkte. Der
meinte: „Komm, laß‘ uns zu Ajahn Tate gehen und mit ihm darüber
sprechen.“
In diesem Kloster gab es die Tradition, daß immer
acht oder zehn Mönche nach der Abendrezitation zu ihm gingen und ihn
alle gleichzeitig massierten. So eine Thai-Massage ist fürchterlich: Du
bohrst deine Ellbogen so tief wie möglich in jemanden hinein. Diese
Thai-Mönche gingen immer richtig zur Sache bei Ajahn Tate. Einer
kümmerte sich um den Fuß, ein zweiter um ein Bein, jemand um einen Arm,
und alle drückten und bohrten sie an ihm herum. Das machte er jeden Tag
durch. An diesem Abend sprachen wir darüber, was mir widerfahren war,
und er unterbrach die Massage, setzte sich auf und sagte: „Erzähl mir
mehr davon.“ Also erklärte ich, was geschehen war. An diesem Abend gab
er mir einen zweiten wichtigen Ratschlag.
Er sagte: „Die Momente der Klarheit, diese
Achtsamkeit und Präsenz, die du erlebt hast, sind sehr gut. Was du von
nun an in deiner Praxis zu tun hast, besteht einfach darin, dich
schneller als bisher daran zu erinnern.“ Wir brauchten einen Übersetzer,
um miteinander zu sprechen, was alles ziemlich schwierig machte. Hätten
wir direkt miteinander sprechen können, hätte er vielleicht gesagt „Nun,
du wirst vergessen. Du wirst diese Klarheit und diese Perspektive wieder
verlieren. Aber du solltest deswegen nicht die Erfahrung abtun: Bleib
dabei, die Achtsamkeit des Hier und Jetzt zu kultivieren und lerne,
schneller wieder zu dieser Klarheit des Sehens zu kommen. Es ist ganz
einfach − streng‘ dich an, dich zu erinnern!“ Ich bin mir sicher, daß
viele von euch festgestellt haben, daß kontinuierliches Praktizieren mit
der richtigen Art von Anstrengung dazu führt, daß wir −Schritt für
Schritt− weiterkommen.
Es sollten allerdings noch sieben Jahre vergehen, bis
ich, eingehüllt in eine Decke während eines Winterretreats in England,
die Bedeutung dessen, was Ajahn Tate mir an jenem Abend gesagt hatte,
wirklich begriff. Nach jener Unterhaltung kam ich in die Hölle: Die
tiefe, erstaunliche Erfahrung, die ich während jenes Abends gehabt hatte
wurde abgelöst von einer Serie grauselig unangenehmer
Bewußtseinszustände, unbeschreiblich fürchterlicher Zustände des
Selbstzweifels. Ich hatte das schon angesprochen, als ich vorhin über
die Wichtigkeit sprach, sich richtig auf die Praxis vorzubereiten.
Damals war ich direkt aus der Hippieszene gekommen. Gerade mal ein paar
Monate bevor ich zu Ajahn Tate kam, hatte ich die Kommune verlassen, in
der ich gelebt hatte und war durch die australische Wüste getrampt.
Danach war ich von einer indonesischen Insel zur nächsten gereist, war
tauchen gewesen auf Timor, hatte auf Java etwas Batikmalerei gemacht und
hatte mich, an den Badestränden und Restaurants der Gegend entlang,
nordwärts nach Thailand bewegt. Plötzlich saß ich mit geschorenem Kopf
und orangener Robe da und machte diese intensive Praxis. Ich war
definitiv nicht genügend vorbereitet.
Dank Ajahn Tates liebevoller und beständiger Fürsorge
kam ich durch diese äußerst unerfreulichen Zustände hindurch. Aber es
dauerte noch etwa sieben Jahre, bevor ich in der Lage war, den tieferen
Sinn in dem, was er mir damals gesagt hatte, zu begreifen. Heute
ermutige ich die Leute, diese Anstrengung des Erinnerns zu unternehmen.
Manchmal, wenn wir vergessen, was wir gelernt haben, entwerten wir die
Erfahrungen, die wir gemacht haben, die Anstrengungen, die wir
unternommen haben und die Einsichten, die wir gehabt haben. Ajahn Chah
hatte eine Metapher dafür. Er sagte „diese Momente der Achtsamkeit und
des Verstehens sind wie Tropfen aus einem Wasserhahn. Am Anfang macht es
tropf − tropf − tropf mit großen Pausen zwischen den einzelnen Tropfen.“
Wenn wir in den Pausen zwischen den einzelnen Tropfen achtlos sind, wenn
wir uns in unseren Gedankengängen verirren, uns in den Geistesinhalten
und in den Empfindungen verlieren, dann können wir den Eindruck
bekommen, unsere achtsamen Momente seien wertlos gewesen und wir
verwerfen sie und denken, es seien bloß Zufälle gewesen. Ajahn Chah
jedoch sagte „langsam aber sicher wird daraus bei stetiger Übung tropf,
tropf, tropf, dann tropftropftropf und dann fließt es irgendwann.“ Wenn
ihr stetig praktiziert, dann kommt ihr in einen ununterbrochenen
Achtsamkeitsfluß. Die Momente selbst sind die gleichen, aber sie sind
nicht mehr unterbrochen.
Wir vergessen, aber die gute Nachricht ist, daß wir
uns erinnern können. Wir sitzen in formaler Meditation, sammeln unser
Herz und unseren Geist und begeben uns in die Stille. Wir gewinnen
Orientierung, wir erinnern uns. Der Geist wandert umher. „Hätte ich dies
bloß nicht getan“, denken wir, oder „Warum haben sie jenes gesagt?“ Wir
schweifen in die Zukunft ab, „Habe ich mein Ticket für morgen? Wo hab‘
ich es nur hingelegt?“ Wir lassen uns von Gedanken einnehmen, verlieren
uns in ihnen, aber dann erinnern wir uns, denn unsere Herzen haben sich
dem Erinnern verschrieben. Es ist gut, wenn wir uns erinnern, aber wenn
das mit einer Verurteilung einhergeht wie „Ich hätte nie vergessen
sollen, meine Praxis ist wirklich hoffnungslos,“ dann haben wir den
Faden schon wieder verloren. Es geht ums Erinnern; wir brauchen nicht
auf unserem Vergessen herumzureiten.
Sorgsam sein
Ajahn Tates Ratschlag war, „alles, was du tun mußt,
ist, dich schneller zu erinnern.“ Ich strengte mich weiter an während
jener Regenzeit und meditierte sehr gewissenhaft, obwohl ich damals in
einem Zustand solcher inneren Not, zeitweiser Panik, Verzweiflung und
fortwährender Qual war, daß es wirklich nur noch darum ging, irgendwie
durchzuhalten. Am Ende der Regenzeit ging es mir alles andere als gut.
Man entschied, ich solle nach Bangkok gehen, um mich medizinisch
untersuchen zu lassen und mich auszuruhen. Es lief dann darauf hinaus,
daß ich in ein Krankenhaus kam. Ich traf Ajahn Tate bevor ich mich auf
den Weg machte und er gab mir einen dritten bedeutenden und hilfreichen
Rat. Er tat das mit einer unglaublichen Freundlichkeit und Weisheit; es
war nicht so, daß er einfach nur nett zu mir sein wollte. Er sagte: „Sei
sorgsam.“ Ich erinnere mich lebhaft daran. Er sagte „der Ort in deinem
Inneren, an dem du gerade bist, ist sehr verletzlich − sei sorgsam.“
Ich leite unsere Abendmeditation in Ratanagiri oft
damit ein, daß ich uns zusammen zu unserem inneren Ruhepunkt führe,
indem ich sage „sorgsam darauf achtend...“ Sorgsamkeit ist ein anderes
Wort für Achtsamkeit. Ich glaube, wir können in vielen Fällen
„Achtsamkeit“ durch „Sorgsamkeit“ ersetzen. In der schlechten
Verfassung, in der ich mich befand, als ich Ajahn Tate sah, waren seine
Worte genau das, was ich brauchte. Ich war so unglücklich, daß ich mich
leicht dazu hätte hinreißen lassen können, unfreundlich oder achtlos mit
mir selbst umzugehen. Ihr wißt ja, wie das ist, wenn man sich ein
bißchen schlecht fühlt: Man fängt an, irgendwen zu beschuldigen und
denkt „naja, jemand muß etwas falsch gemacht haben.“ Es ist sehr
schwierig, unglücklich zu sein ohne deswegen zu empfinden, jemand
(möglicherweise man selbst) müsse etwas falsch gemacht haben.
Wenn wir unglücklich sind, bedarf es einfach einer
Bereitschaft, mit diesem Unglücklichsein zu leben. Wenn wir nicht
sorgsam sind, dann behaupten wir, etwas sei falsch, obwohl das auch
nicht sehr viel weiterhilft. Wir behaupten das entweder innerlich oder
äußerlich. Ein Großteil dessen, was von den Massenmedien berichtet wird,
sind äußere Anschuldigungen. Dieses Hervorquellen von Anschuldigungen
ist eine Folge eines im Innern gemachten Fehlers: Wir mißverstehen unser
Unglücklichsein, unsere Traurigkeit, unser Leiden und glauben, es sei
etwas falsch damit. Wir nehmen es nicht an, so wie es eben ist. Wir
weigern uns, es anzuerkennen und zu fühlen, es einfach stattfinden zu
lassen. Wir haben nicht die Klarheit, es als Inhalt von Achtsamkeit zu
sehen. Weil wir diese Einstellung dazu nicht haben, quälen wir uns damit
ab, etwas gegen unser Leiden zu unternehemen, irgendwie damit umzugehen.
Dann zu sagen, etwas sei schiefgelaufen und jemand sei schuld daran ist
ein unachtsame Art, mit unseren unerfreulichen Erfahrungen umzugehen.
Die Angewohnheit, das ständig zu tun ist ein Symptom, das ich den
zwanghaft urteilenden Geist nenne. Ajahn Tates Abschiedsgeschenk an
mich, „Sei sorgsam“, machte mich auf einer intuitiven Ebene hierauf
aufmerksam, auch wenn das konzeptuelle Verständnis erst etwas später
kam.
Einspitzigkeit des
Geistes
Ich empfing einen letzten Rat von Ajahn Tate als ich
ihn 1993 mit der Gruppe von Bung Wai besuchte. Er starb nur wenige
Monate später, vierundneunzigjährig. Wir saßen nahe bei ihm, damit er
nicht laut sprechen mußte. Ich schämte mich fast dafür, daß ich
versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, denn er sah so gebrechlich
und müde aus. Es reichte schon aus, in seiner Nähe zu sein. Aber mit
sichtbar wachem Interesse und großer Güte antwortete er auf die Fragen,
die er gestellt bekam. Alle anderen Besucher des Tages waren gegangen;
nur unsere kleine Gruppe war noch geblieben. Meiner Erinnerung nach
fragte einer der jungen Mönche Ajahn Tate, ob er ihm die Essenz der
buddhistischen Lehre nennen könnte. „Buddhismus,“ sagte Ajahn Tate, „du
willst eine Definition des Buddhismus? Buddhismus ist Einspitzigkeit des
Geistes.“ (Thai: ekaggata jit) Es ist so viel über den Buddhismus
geschrieben und gesprochen worden und da scheint es mir eine wertvolle
Gabe zu sein, daß ein solch großes Wesen den Weg so klar und einfach
beschreibt.
Ich würde verstehen, wenn Ajahn Tates Definition des
Buddhismus für diejenigen, deren Praxis noch kein stabiles Fundament
hat, keinen Sinn ergäbe. Aber auch für die anderen ist es doch so, daß
wir meistens noch nicht wissen, wie wir klar, bewußt und achtsam in
einem Zustand der Einspitzigkeit verweilen können. Wenn wir ein
Verständnis von der Einspitzigkeit des Geistes haben, und sei es auch
nur zu einem gewissen Grade, dann wissen wir, daß ein abgelenkter und
zerstreuter Geist ein Geist ist, der verwirrt ist und der die Welt nicht
so wahrnehmen kann, wie sie ist. In diesem Zustand ist das Empfinden von
natürlichem Wohlsein, das mit Einspitzigkeit einhergeht, blockiert.
Viele von uns haben ihre jungen Jahre in chronischer
Blockiertheit gelebt. Bei mir ist das sicherlich der Fall gewesen. Wir
haben versucht, die richtige Philosophie zu entwickeln, die richtige
politische Position, den richtigen Lebensstil, die richtige Art von
Beziehungen und die richtigen sozialen Strukturen, damit wir ein gutes
Gefühl in Bezug auf unser Leben haben können. Auf meinem ersten
Meditationsretreat habe ich gelernt, die Aufmerksamkeit auf den Atem zu
konzentrieren und der Tendenz, mich ablenken zu lassen, nicht
nachzugeben. Und erst dort habe ich entdeckt, wie wohl man sich fühlt,
wenn der Geist konzentriert ist. Bis dahin dachte ich, ich müsse
irgendetwas tun oder irgendwelches Zeug einnehmen, um mich gut zu
fühlen. Wenn wir uns rückbesinnen, uns an die natürliche Herzensgüte
erinnern, diese Stille, die Ruhe, diesen Frieden und diese Klarheit,
dann ändert sich unser Weltbezug, einfach weil wir das Wesen der Welt
ganz klar sehen können. Die Welt selbst bleibt, wie sie ist und wie sie
schon immer gewesen ist. Es gibt weiterhin Freude und Schmerz, sowohl
intensiv wie auch mittelmäßig. Es gibt weiterhin Ungerechtigkeit und
Kampf, Enttäuschung, Vergnügen und Glück. Wenn wir aber ganz klar sehen,
daß all das kommt und geht, wenn wir mit Achtsamkeit alle Erfahrung
aufsteigen und vergehen sehen, dann werden wir nicht mehr auf eine
bestimmte Erfahrung bauen, sondern auf ein wachsendes Verständnis vom
Wesen der Erfahrung selbst.
Bei der vierten Lehre von Ajahn Tate, an die ich mich
erinnere, geht es also darum, daß es nicht um ein ganz exaktes
Verständnis buddhistischer Theorie oder eine möglichst große Menge von
Retreat-Erfahrungen und Einsichten geht, sondern um ein Verständnis der
Fähigkeit, leichter und häufiger einspitzig in Herz und Geist verweilen
zu können. Wenn wir diesen Zustand kennen und wenn er richtig auf den
Weg zur Freiheit gerichtet ist, dann sind wir in einer guten Position,
um in unserer Praxis voranzukommen.
Ich bin Ajahn Tate für diese vier einfachen und doch
so bedeutungsvollen Lehren auf ewig zu Dank verpflichtet, und es ist mir
eine Freude gewesen, sie mit euch zu teilen.
Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit.